100. Frauentag 2011
Ohne den Feminismus hätte ich keine vom Feminismus überzeugten Eltern und wäre nicht das geworden, was ich bin. Vielleicht hätte ich auch ohne den Feminismus Klavier studiert. Aber es wäre viel schwerer gewesen, sich selbstbewusst gegenüber Vorurteilen durchzusetzen. Und Selbstvertrauen ist eine Grundvoraussetzung, um vor Publikum Klavier zu spielen und dabei nicht hinter den eigenen Ansprüchen zurück zu bleiben. Mit eingeschränktem Selbstbewusstsein sind nur bescheidene Ergebnisse möglich. Ein Vorurteil männlicher Klavierprofessoren der älteren Generation gegenüber Frauen ist: zu kleine Finger, zu wenig Körperkraft, um einige Werke der Klavierliteratur auf "männlichem" Niveau spielen zu können. Das Bild des kraftstrotzenden Tastenlöwen ist männlich.
Mittlerweile haben Frauen am Klavier längst bewiesen, dass die Kraft des Willens stärker ist als Muskelmasse. Kraft allein ist noch kein Qualitätsmerkmal am Klavier und Klavierspielen mehr als Hochleistungssport für mächtige Pranken. Mit der richtigen Technik gibt es außerdem kaum physiognomische Grenzen am Klavier. Die meisten Werke der Klavierliteratur stammen von Komponisten. Der Mangel an weiblichen Komponistinnen wird seit längerem nicht mehr ungefragt hingenommen. Möglicherweise wären ohne den Feminismus die Manuskripte der vielen schönen Musikwerke von Clara Schumann oder Fanny Hensel längst von Mäusen verspeist worden. Ohne Kompositionen von Frauen kann ich mir mein musikalisches Leben gar nicht vorstellen. Ein Klavierprofessor sagte einmal zu mir: "Pianistinnen haben es besser als ihre männlichen Kollegen, denn sie können einen reichen Mann heiraten und müssen nicht vom Klavierspielen leben".
Ohne den Feminismus gäbe es meine Partei nicht, und ich hätte kein Bundestagsmandat. Dann könnte ich nicht in der Kulturpolitik dafür kämpfen, dass Künstlerinnen und Künstler von ihrem Beruf besser leben können und dafür, dass Frauen in der Kunst und allen anderen Berufsfeldern die gleichen Chancen bekommen. Gleichberechtigung in der Kunst ist dann erreicht, wenn Werke von Komponistinnen auf Klavierprogrammen Normalität geworden sind, Frauen mit Dirigentenstab und als Schöpferinnen neuer Werke in bildender Kunst, Musik, Literatur und Theater oder als Regisseurinnen keine Ausnahme mehr sind. Ohne den Feminismus würden wir über die Situation von Frauen in der Kunst, der Gesellschaft und auf dem Arbeitsmarkt gar nicht reden.
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