Einführung zur BBK-Ausstellung "aktuell 2018"

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

von 2009-2013 war ich kulturpolitische Sprecherin der Grünen Bundestagsfraktion. Vier Jahre lang gehörte es zu meinen Aufgaben, gebetsmühlenartig die Bedeutung von Kultur für unsere Gesellschaft zu betonen. Im politischen Raum kann man das gar nicht oft genug betonen. Insbesondere gegenüber den Haushältern, die die Hoheit haben über die Verteilung von Mitteln. Bei den meisten Titeln im Kulturhaushalt handelt es sich nicht um hohe Summen. Regelmäßig mussten wir Kulturpolitiker um ein paar 10 Tausend Euro unerbittlich ringen, während z.B. der Rüstungsetat mit Milliarden bestückt wurde.

Auch hier in Ingolstadt begegnen mir immer wieder Fragen wie: „Warum brauchts denn den Neubau des Theaters?“ oder: „Warum soll denn mit unseren Steuergeldern Kultur finanziert werden?“. Kulturförderung steht unter einem hohen Rechtfertigungszwang. Dabei finde ich grundsätzlich: Kunst braucht keine Rechtfertigung. Wer das einfordert, hat nur ein Ziel, nämlich sie in die Defensive zu treiben. In der Defensive aber sind in Wahrheit die, die sie permanent infrage stellen. Man muss nicht begründen, dass man aus einem Stück Holz Töne lockt, dass Menschen ihre Wirklichkeit malen, dass sie Skulpturen schaffen. Man muss ja auch nicht begründen, dass man nicht mit den Fingern isst. Denn all das macht den Menschen erst zum Menschen.

Aber natürlich müssen öffentliche Ausgaben gerechtfertigt werden. Ich persönlich hinterfrage zum Beispiel, warum Steuerzahlerinnen und Steuerzahler mit 3,3 Mio EUR für den Ingolstädter Schützenverein aufkommen müssen. Soviel kostet nämlich die Sanierung des Schützenheims. In Klammern: Der Schützenverein hat gerade mal 160 Mitglieder, das ist zwar etwas mehr als unser BBK, aber 3,3 Mio EUR könnten wir für die Sanierung der Harderbastei auch gut gebrauchen. Uns würde schon ein Bruchteil davon reichen. Und uns fällt zur Nutzung unserer Räumlichkeiten ein bisschen mehr ein als darin Herumzuballern. Meistens trifft es zuerst die Kulturausgaben, an denen gespart wird bei knapper Haushaltslage. Auch in unserer Stadt wurde als erstes bei den Kindergärten und bei den kleineren Kulturausgaben der Rotstift gezückt, als der Untergang von Audi drohte, der ja immer noch nicht ganz abgewendet zu sein scheint.

Aber: Mit Einsparungen bei der Kultur lässt sich kein Haushalt sanieren. Dafür ist ihr Anteil an den Gesamtausgaben zu gering und ihre Bedeutung zu hoch. Die Bedeutung von Kultur wiegt mehr als ihre Kosten. Im Unterschied zum Schützenverein-meiner Meinung nach. Relativ zu den Gesamtausgaben der öffentlichen Haushalte betragen die Kulturausgaben in Deutschland insgesamt 1,7 Prozent: etwa 1 Prozent beim Bund, etwa 2 Prozent bei den Ländern, etwas mehr als 2 Prozent bei Städten und Gemeinden. Der Anteil der Kulturausgaben an unserem Bruttoinlandsprodukt beträgt überschaubare 0,4 Prozent. Das ist keine Größenordnung, bei der Künstler und Kulturfreunde jubilieren. Aber eben auch keine Größenordnung, bei der Haushälter und Finanzminister ernsthaft in Depressionen verfallen können.

Kultur ist ein Standortfaktor. Das ist keine Behauptung von mir, sondern eine mit diversen Studien belegte Tatsache. Die Attraktivität von Städten und Regionen beruht immer stärker auf ihrer Kunst- und Kulturszene. Nicht nur für Touristen, sondern vor allem für die Menschen, die dort leben und arbeiten. Der Kultursektor in Deutschland erzielt pro Jahr eine Wertschöpfung von weit über 30 Milliarden Euro. Das ist ziemlich genau so viel wie die der Energie-Versorgung in Deutschland und weit mehr als klassische Wirtschaftsbranchen wie Landwirtschaft, Bergbau oder die Stahlindustrie. Kultur rechnet sich! Alle einschlägigen ökonomischen Studien belegen den Zusammenhang von Kultur und Wirtschaftswachstum. Die Ausgaben für Kunst und Kultur fließen direkt und indirekt in die jeweilige heimische Wirtschaft zurück. Aber gerade weil das inzwischen belegt ist und häufig erwähnt wird, füge ich ausdrücklich hinzu: Eine Stadt, die Kulturförderung nur als eine besondere Form der Wirtschaftsförderung missversteht, bleibt weit hinter kulturpolitischen Ansprüchen zurück.

Ich habe viele Wünsche an unsere Stadtspitze. Allen voran, dass uns eine menschenunwürdige Massenunterkunft für Geflüchtete erspart bleibt, ob sie nun ANKER- oder Transitzentrum heißt. Aber gleich an zweiter Stelle kommt der Wunsch, dass die Ingolstädter Stadtregierung das Potential unserer vielfältigen Kulturszene erkennt anstatt Kulturförderung als gönnerhafte Almosen zu verstehen. Durch eine kluge Kulturförderung könnte unsere Stadt quasi ein zweites Standbein aufbauen - für Zeiten, wenns mit Audi mal gar nicht läuft. Was ja kein ganz utopisches Szenario ist. Kultur ist nicht nur ein wirtschaftliches Standbein, sondern eben auch ein ideelles. Für das Glück, das Wohlergehen der Menschen . Kluge Kulturförderung bedeutet, vor allem die Unterstützung für kleinere Kulturakteure zu erhöhen gerade auch im Bereich der kulturellen Bildung. Als Dänemark 1814 pleite war, beschloss König Christian VIII., den Haushaltsposten für Kunst und Bildung deutlich zu erhöhen. Als sein Finanzminister dagegen protestierte, antwortete der König: „Arm und elend sind wir sowieso, wenn wir jetzt auch noch dumm werden, können wir aufhören ein Staat zu sein.“

Geld ist wichtig, aber Geld ist nicht alles. Vor allem nicht für Künstlerinnen und Künstler selbst. Sonst würden sie nicht in diesem prekären Beruf arbeiten, wo das durchschnittliche Jahreseinkommen 5.000,- EUR beträgt. Zumindest für die im Bereich Bildende Kunst, die bei der Künstlersozialkasse untergekommen sind. Was immer mehr Künstlern nicht gelingt, weil sie das erforderliche Durchschnittsjahreseinkommen von 3.900 EUR durch den Verkauf ihrer Werke nicht erzielen. Übrigens verdienen Frauen im Bereich der Bildenden Kunst ein Drittel weniger als ihre männlichen Kollegen. Und das, obwohl sie mit 60 Prozent an Kunstakademien in der Mehrheit sind. Die systematische Benachteiligung von Frauen - eben auch im Kulturbereich – ist eine Sauerei! Wer reich werden möchte, wählt normalerweise einen anderen Beruf. Die Menschen, deren Bilder Sie heute an den Wänden sehen, schaffen Kunst, weil sie gar nicht anders können. Für ihre Kunst gehen sie immer in Vorleistung mit den Materialkosten und mit der Arbeit an einem Werk. Denn es besteht ja das leider nicht ganz unerhebliche Risiko, dass ihre Werke nicht verkauft werden. Ein Risiko, das ganz in Ihren Händen liegt, liebe Gäste. Jede BBK-Ausstellung ist extrem aufwendig in der Organisation bis hin zum Gruppieren und Aufhängen der Werke, bei dieser Ausstellung werden auch die Aufsichten von den Mitgliedern selbst übernommen, um Kosten einzusparen. Ohne ehrenamtliches Engagement der Mitglieder wäre das nicht zu stemmen.

Für so viel unbezahlten Einsatz gibt es nur einen Grund: Pure Leidenschaft für die Kunst. In der Kunst geht es weniger um die Gestaltung der realen Welt, sondern um die reale Gestaltung einer möglichen Welt. Friedrich Nietzsche hat einmal gesagt: „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen.“ Kunst und Kultur sind die Nervenbahnen unserer Gesellschaft. Empathie für die Belange des Anderen, Fantasie und Mut zur Veränderung strömen durch diese Bahnen und sind abhängig von einer kulturpolitischen Gestaltung, die solche Zugänge ermöglicht.

Wir leben in einer gefährlichen Zeit. Zum ersten Mal seit dem Dritten Reich sitzt eine rechtsextreme und rassistische Partei im Bundestag. Leichen werden an Europas Mittelmeerküsten angeschwemmt, die abstrakte Angst vor Überfremdung hat Hochkonjunktur. Manche fragen sich: Was kann denn die Kunst in solchen Zeiten überhaupt bewirken? Präsident Erdogan sagt: „Es gibt Bücher, die sind wirkungsvoller als Waffen.“ Deshalb sperrt er Intellektuelle und Künstler ins Gefängnis. Ich sage: Es gibt Kunstwerke, die mehr in einem Menschen verändern als Nachrichten oder politische Reden. Der Umgang mit Künstlerinnen und Künstlern ist ein verlässliches Zeichen, wie es um die demokratischen Werte bestellt ist. Die Freiheit der Künste mit ihren schillernden und unbequemen Köpfen ist eine Bedrohung für alle Feinde der Demokratie! Somit ist die Freiheit der Kunst das Fundament einer offenen Gesellschaft. Mit Kunst kann man die Welt bestimmt nicht retten. Aber ohne die Kunst wird es niemals gelingen.

 

So und nach all der Wertschätzung gegenüber der Kunst, kommen wir nun zur Wertschätzung für die, die unsere Arbeit beim BBK ermöglichen. Allen voran kommen wir zu einem herausragenden Künstler und gleichzeitig einem, ohne den Sie nicht so oft in den Genuss kommen würden, BBK-Ausstellungen zu besuchen. Ich rede von unserem BBK-Geschäftsführer Stefan-Wanz-Lawrence. Lieber Stefan, im Namen von uns allen, möchte ich Dir einen edlen Tropfen überreichen und Danke sagen. Wir sind froh, dass wir Dich haben! Das gleiche gilt für unsere Büromitarbeiterin Angelika Gützlaff.

Jetzt leite ich über zur musikalischen Gestaltung. Wir freuen uns sehr, die Querflötistin und Saxophonistin Monika Olszak aus München begrüßen zu dürfen. Sie studierte Klassik- und Jazz an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und erhielt ein Stipendium des Berklee College of Music,der renommierten Universität für zeitgenössische Musik in Boston. Neben einer regen Konzerttätigkeit hat sie einige CDs als Querflötistin und Saxophonistin eingespielt. Monika Olszak wird in einem gemeinsamen Rundgang durch die Ausstellung vor ausgewählten Werken improvisieren. Sie ist Mitglied bei GEDOK München. GEDOK ist die größte interdisziplinäre Künstlerinnenorganisation im deutschsprachigen Raum. Mit dem Ziel, Künstlerinnen zu fördern und die Gleichstellung von Frauen im Kulturbetrieb voranzubringen. Seit diesem Jahr gibt es eine Konzert-Kooperation zwischen unserem BBK und GEDOK München. Das nächste Konzert, das ich Ihnen schon mal wärmstens ans Herz legen möchte, findet hier in der Harderbastei am 1. Juli um 19 Uhr statt. Unter dem Titel „Nicht länger Gretchen“ stehen Werke von Komponistinnen aus Vergangenheit und Gegenwart auf dem Programm. Bei diesem Konzert können Sie unter anderen auch unsere heutige Musikerin Monika Olzsak hören und auch Sylvia Hewig-Tröscher, sie ist Pianistin und Professorin für Klavier an der Musikhochschule München. Ein hochkarätiges Konzerterlebnis. Und jetzt bitte ich Sie, gemeinsam zu der intuitiven und spontanen Musik von Monika Olzsak durch die Ausstellung zu schlendern. Ich wünsche Ihnen, dass Sie die Musik und unsere Bilder genießen.

« zurück