Das Thema Essstörungen stand im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion des Kreisverbandes Bündnis 90/Die Grünen am Dienstag im Café Huber. Der Anlass dafür: Allein in der Region 10 leiden rund 1400 Frauen unter 25 Jahren an Essstörungen, mit steigender Tendenz. Moderiert wurde die Veranstaltung von MdL Theresa Schopper, Gesundheitspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion und Landesvorsitzende der Bündnisgrünen.
Niedriges Selbstwertgefühl, Leistungsdruck, Beziehungsgefühle, sexueller Missbrauch und viele andere Faktoren können Auslöser und Grund dafür sein, dass Menschen Essstörungen entwickeln. Bundesweit weisen bereits 22 Prozent der Elf- bis 17-Jährigen diese Symptome auf. Untergewicht ist weitgehend ein frauenspezifisches Problem. Das sogenannte starke Geschlecht neigt eher zur Dickleibigkeit. Das war der Ausgangspunkt für die Podiumsdiskussion vor allerdings spärlicher Kulisse. Nur 13 Zuhörer hatten sich eingefunden.
Hochkarätige Referenten
Leider muss man fast sagen. Denn mit Dipl. Psychologe Prof. Dr. Hans Jürgen Göppner, Dr. med. Astrid Passavant von der Klinik St. Elisabeth, Erziehungswissenschaftlerin Karen Silvester von der Danuvius Klinik Ingolstadt, Model Nadine von Rötel, Bündnis90/Die Grünen-Direktkandidatin Agnes Krumwiede und Bundestagsabgeordneter Elisabeth Scharfenberg hatte man zum Thema „Zu dick zu dünn – Jugend aus dem Gleichgewicht“ hochkarätige Referenten eingeladen. Zudem gaben deren Aussagen reichlich zu denken.
Laut MdB Elisabeth Scharfenberg überleben zehn bis 15 Prozent der an Essstörung leidenden Menschen die Krankheit nicht. Der Teufelskreis könne sich durch Diäten ebenso öffnen wie durch den Schlankheitswahn als ideales Frauenbild schlechthin. Die Bundestagsabgeordnete sieht in den Essstörungen große Aufgaben auf die Politik zukommen. Demzufolge haben Bündnis90/Die Grünen bereits einen Antrag auf öffentliche Anhörung zum Thema „Hungern in der Überflussgesellschaft – Maßnahmen gegen Magersucht“ im Bundestag eingebracht.
Jüngste Patientin war zwölf
Laut Dr. Astrid Passavant war die jüngste bisher in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Klinik St. Elisabeth an Essstörung behandelte Patientin gerade mal zwölf Jahre alt. Während die Essstörungen in der Erkrankungszahl stabil bleiben, würde die Übergewichtigkeit der Jugendlichen aktuell mehr Kummer bereiten, so Dr. Passavant.
Während Prof. Dr. Hans Jürgen Göppner oft mangelnde soziale Unterstützung innerhalb der Familie als Ursache der Erkrankung sieht, übt Agnes Krumwiede Kritik an dem ihrer Meinung nach das Konkurrenzverhalten fördernde und Stress erzeugende Schulsystem. Grund- und Hauptschüler seien besonders benachteiligt. Sie fordert im Lehrplan Platz für Schulstunden, in denen über Ernährung gesprochen wird. Prävention von Essstörungen und ungesunde, mangelhafte Ernährung müsse zum Bildungsauftrag werden. Unverständnis zeigte sie über die Ablehnung der Länder des vom EU Parlament beschlossenen Schulobst-Programms aus finanziellen Gründen.
Auf Erfolg fixierte Gesellschaft
Offenbar bevorzuge die heutige Gesellschaft Menschen, die dem Ideal des angepassten, leistungsbereiten und perfekt aussehenden Individuums entsprechen, klagte Erziehungswissenschaftlerin Karen Silvester. Magersucht und Bulimie seien dem Leistungs- und Konkurrenzdruck einer auf Erfolg fixierten Gesellschaft geschuldet, die diese Krankheit billigend in Kauf nehme. Die Krankheit sei als Hilferuf zu verstehen, mit denen die Betroffenen ihrer seelischen Not Ausdruck verleihen.
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