Politik und Musik passen perfekt zusammen, sagt die Pianistin Agnes Krumwiede, auch wenn sie für den Einzug in den Bundestag ihre Klavierschule schließen musste. Jetzt will sie im Parlament für den Mindestlohn kämpfen – für Kreative wie Musiker und Tänzer.
Sie ist jung, attraktiv, eloquent, eine Exotin unter den Neuen im Bundestag. “Ich weiß – und langsam nervt’s”, sagt Agnes Krumwiede. “Ich stehe für die Grünen, für gute Inhalte.” Die Pianistin mit Konzertdiplom, die mit fünf Jahren anfing, Klavier zu spielen, glaubt aber nicht, dass sie das Klavier während ihrer Arbeit im Bundestag vermissen wird. “Man hört ja nicht auf, Künstler zu sein. Das ist eine Lebenseinstellung.”
Musik und Politik gehören für die 32-Jährige zusammen. Am liebsten spielt sie “grüne Politik am Klavier”. Bereits während ihres Studiums hat sie beides verknüpft, Werke von verfolgten Komponisten gespielt, statt des üblichen Klavierrepertoires aus Chopin-Etüden. “Ich habe immer beides gemacht”, sagt Krumwiede, die seit sieben Jahren Mitglied der Grünen ist.
Im Wahlkampf hat sie in oberbayerischen Dörfern in ausgebauten Scheunen und Gemeinderäumen Klavier gespielt, während draußen Kühe und Schafe weideten. Ihr Musik- und Wahlprogramm hieß “Starke Frauen” und umfasste Werke von Clara Schumann, Fanny Hensel und Mayako Kubo, eine in Berlin lebende japanische Komponistin. Gerade die moderne Musik gefiel den Landwirten besonders gut, die teilweise noch nie ein klassisches Konzert gehört hatten. Im Anschluss an die Konzert diskutierte Krumwiede mit den Besuchern über grüne Politik.
“Es gibt genug hervorragende Pianisten, wie Sand am Meer.”
Für ihr Mandat musste Krumwiede ihre Klavierschule in Ingolstadt auflösen. Sich von den Schülern und Eltern zu verabschieden war schlimm, aber es geht allen neuen Abgeordneten so. Als Pianistin wird sie in der Politik mehr gebraucht als in der Musik. “Es gibt genug hervorragende Pianisten, wie Sand am Meer.”
Im Bundestag will sich die Bayerin für die Interessen der Künstler einsetzen. Viele Tänzer und Musiker haben einen prekären Beruf, weshalb sie einen Mindestlohn für die Kreativbranche fordert. Zudem fordert sie auch in der Kultur mehr Frauen in den Führungsetagen. “Dirigenten und Regisseure sind meist Männer.”
Aber nicht nur für ihre eigene Branche will sich Krumwiede einsetzen. “Kulturelle Bildung” ist ihr zentrales Anliegen. In der Kita soll jedes Kind unabhängig von Herkunft und Geld die Möglichkeit dazu erhalten. Es ist wissenschaftlich belegt, dass bereits 15 Minuten Klavierspielen pro Tag ein flexibleres Denken bewirken.
Empathie ist wichtiger als ein Jurastudium
Ihr schwebt zudem ein Netzwerk aus Schulen und kulturellen Einrichtungen vor. So könnten Probleme wie Gewalt, Komasaufen und Essstörungen bekämpft werden. “Wir brauchen einen ökologischen und gesellschaftlichen Wandel”, sagt Krumwiede. “Kultur ist die Brücke für ein neues Denken. Kulturbildung ist zwar kein Allgemeinrezept, aber ein Weg.”
Ihre Erfahrungen als Musikerin sieht die 32-Jährige als Bereicherung für den Bundestag. “Politik machen, ist wie im großen Orchester zu spielen, mit zwei Flügeln”, erklärt Krumwiede. Dabei stehen die Flügel sowohl für verschiedene politische Richtungen als auch für zwei Solisten am Konzertflügel. “Streit, Konflikte um unterschiedliche Ansichten sind normal, aber die großen Inhalte müssen stimmen.
“Ich kenne die Probleme der Musikbranche, habe mehr Energie als Berufspolitiker, die keinen Kontakt mehr zu den normalen Menschen und den wirklichen Problemen haben”, sagt Krumwiede. “Gute Politik ist eher von der Person als vom Studium abhängig.” Die alleinige Kompetenz liegt nicht bei Juristen, Wirtschafts- oder Politikwissenschaftlern, das habe die Weltwirtschaftskrise gezeigt. Wichtiger sei Empathie.
SPIEGEL ONLINE, 30.Oktober 2009
www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,657596,00.html
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