Am 7. Juni wurde zum 7. Mal der puk-Journalistenpreis verliehen. Der Deutsche Kulturrat und Deutschlandradio Kultur vergaben in insgesamt drei Kategorien fünf Journalistenpreise für herausragende Beiträge über kulturpolitische Themen in den Printmedien, im Fernsehen sowie im Hörfunk.
Als Mitglied der Jury habe ich zu Beginn des Jahres an der Auswahl der Preisträger teilgenommen. Besonders gut, hat mir dieses Jahr Peter Scharfs Beitrag "Schockbilder – Der Mann, der mit Werbung Politik macht" gefallen, für den ich am 7. Juni die Laudatio bei der Preisverleihung hielt:
Was lässt einen Beitrag aus der Masse der vielen hervorragenden eingereichten Beiträgen für den PUK-Journalistenpreis heraus stechen? Es gibt allgemeingültige Kriterien: Ein interessantes Thema, hochprofessionelles journalistisches Handwerk und den Bezug zur Kulturpolitik. Mein persönliches Hauptkriterium ist, dass mir ein Beitrag neue Horizonte und Perspektiven eröffnen sollte.
Den Fotografen Oliviero Toscani hatte ich vor Peter Scharfs Film in eine Schublade gesteckt: Oliviero Toscani, der berüchtigte Fotograf der Benetton Kampagnen, der diesem Konzern 16 Jahre lang durch schockierende Fotos zu großer Aufmerksamkeit verholfen hat - Kommerz auf Kosten des Leidens in der Welt.
Peter Scharfs Film hat nicht nur mein Denken über Oliviero Toscani grundlegend verändert, sondern auch meinen Blick auf das Medium Werbung. Werbung ist Kunst. Und Oliviero Toscani s Fotos zeigen Schattenseiten unserer Wirklichkeit, die in der rosarot heilen Welt des Konsums irritierend wirken. „Schockbilder – Der Mann, der mit Werbung Politik macht“ - so der Titel von Peter Scharfs eingereichtem Beitrag in der Kategorie Fernsehen – nimmt den Zuschauer vom ersten Augenblick an mit auf eine Reise durch das Schaffen und Denken Oliviero Toscanis. Eines Mannes, der bis heute nicht aufhört mit seinem künstlerischen Medium, der Fotografie, zu werben für mehr Menschlichkeit, gegen Krieg und Rassismus. Gegen die Einfältigkeit des Denkens. Peter Scharfs Blick auf Oliviero Toscani verknüpft die Gegenwart des Films bei Fotoshootings im Westjordanland mit einem Rückblick auf die Kampagnen des Fotografen. Die Mischung zwischen Einblendungen der Porträtfotos von Palästinensern und Juden sowie den Momentaufnahmen und Interviews im Westjordanland gibt einen faszinierenden Einblick in die Gesichter einer Stadt im alltäglichen Ausnahmezustand. Getragen wird Peter Scharfs Film auch durch die hervorragenden O-Töne.
Fotoshooting im Westjordanland: Eine Leinwand wird aufgestellt, Menschen auf der Straße angesprochen, ob sie fotografiert werden wollen. Toscani sagt, durch die Fotos in einem Projekt vereint, „zerstören wir den Checkpoint und holen alle in einen Raum.“ Analog dazu ein Rückblick auf Toscanis Benetton-Kampagne „Black an White“. Die Motive: Menschen mit schwarzer und weißer Haut in zärtlicher Umarmung, eine Nonne in weißer Tracht küsst einen Mönch in schwarzer Kutte. Die Kampagne war in Teilen der USA und in Südafrika verboten. Oliviero Toscani sagt in Peter Scharfs Film: „Es gibt für mich keine menschliche Rasse, es gibt eine Rasse mit Farben und Unterschieden. Darin liegt die Schönheit.“ Und: „Wir haben Angst vor dem Anderssein, wir wollen das Anderssein der Menschen nicht akzeptieren. Dabei sind die Unterschiede die Grundlage der Kultur und der Kunst. Die Unterschiede sind alles, was wir für eine gute, demokratische Gesellschaft brauchen.“
Magersucht, Todesstrafe, Krieg in Form eines Fotos der blutdurchtränkten Kleidung eines getöteten Soldaten, Aids – das sind die Themen, die Toscani in den 90-er Jahren für Benetton-Kampagnen in seinen Fotos zeigte. Seine Fotos verstörten die Welt. Weil sie auftauchten im Raum der Werbung, der zuvor einzig und allein für konsumorientierte Manipulation durch rosarote-Brillen-Ästhetik reserviert war. Die kreativen Grenzen der künstlerischen Freiheit der Werbung sind engmaschig begrenzt. Oliviero Toscani hat diese Grenzen gesprengt. Es ist auch Peter Scharfs Film zu verdanken, dass Toscanis Message im Gesamtkontext plastisch und verständlich wird. Toscani verdeutlicht seine Motivation, Werbung aus dem Dunstkreis der heilen Welt zu befreien, in Peter Scharfs Film mit den Worten: „Es gibt nicht auf der einen Seite die Welt des Konsums und auf der anderen die Welt der Tragödie. Es gibt nur eine Welt“ Und an einer anderen Stelle sagt Toscani, dass sich sein Kopf nicht abschrauben lässt und sich der gleiche Kopf, der sich mit Perfektion in der Fotografie auseinander setzt, auch mit Gesellschaft und Politik auseinandersetzt.
Peter Scharfs Film beleuchtet die facettenreichen Dimensionen in Toscanis Schaffen parallel zum zeitgeschichtlichen und politischen Geschehen.
Im Gedächtnis bleibt auch die Wein-Performance unter der Leitung Toscanis im sizilianischen Dorf Salemi: Tänzerinnen und Tänzer performen im Wein-Bad, um anzuprangern, dass der Wein der Region zu billig und in zu großen Mengen produziert wird – auch der Weinhandel in Sizilien befindet sich größtenteils in den Händen der Mafia. Toscani ist Stadtrat für Kreativität und kämpft gegen die Mafia, indem er Kinder eines Mafiadorfes durch Fotos verewigt. Als Reaktion auf seinen Einsatz erreichten ihn ein abgeschnittener Schweinekopf und ein toter Hund in der Schuhschachtel. Am Ort der Tanzperformance im Wein-Bad geht am späteren Abend ein Molotow-Cocktail hoch.
Es gibt viele solche Sequenzen, die in Peter Scharfs Beitrag Toscanis Überzeugung filmisch unterstreichen. Nämlich: Dass Kunst und Politik zusammengehören, weil sich Kunst nicht vom gesamtgesellschaftlichen Kontext trennen lässt. Auch nicht in der Werbebranche. In Peter Scharfs Film provoziert Toscani mit der Aussage: „Bilder, die niemand braucht, kommen ins Museum. Meine Bilder sollen in Zeitschriften, damit Menschen über die Probleme nachdenken.“
Peter Scharf lässt Toscani auch jene Fotos kommentieren, die zum endgültigen Bruch mit Benetton geführt haben. Porträts von Straftätern in den Todeszellen der USA. Toscani im Kampf gegen die Todesstrafe: „Wenn wir Gewalt benutzen, um Gewalt zu bekämpfen, befinden wir uns im Kreislauf der Gewalt.“ 400 Benetton-Geschäftsstellen mussten damals aufgrund dieser Kampagne in den USA schließen, der Benetton-Chef bittet um Entschuldigung – und Toscani reicht es: Er ist der Meinung, dass man sich nicht dafür entschuldigen muss, gegen die Todesstrafe zu kämpfen. Dem ökonomischen Duktus der Werbebranche möchte Toscani seine Überzeugungen nicht länger ausliefern.
Peter Scharfs Wettbewerbsbeitrag ist mutig. Denn er setzt ein Zeichen für einen unbequemen Querdenker, ein Zeichen gegen das Schubladendenken. Die Perspektive des Films zeugt von tiefem Einfühlungsvermögen in die Welt eines Menschen, der nicht aufhört, seine Kunst und seine Prominenz dafür zu nutzen, Missstände anzuprangern und seine Meinung lautstark kund zu tun.
In einer der letzten Ausgaben des Stern ist ein Interview mit Oliviero Toscani zu lesen. Es unterstreicht die Aktualität und Brisanz unseres Preisträger-Films. Auf die Foto-Collagen für den Stern zum Thema „Rückkehr des Faschismus nach Italien“ angesprochen, sagt Toscani im Stern-Interview: „Ich sehe ihn (Berlusconi) in einer Klapsmühle und würde ihm eine Zwangsjacke anziehen – das wäre meine Collage. Denn er hat den Verstand verloren. Er ist eingeschlossen in seiner Welt aus Lügen. Italien ist in der Hand eines Verrückten.“
Ich freue mich, dass wir mit Peter Scharfs Beitrag einen bild- und sprachgewaltigen Film auszeichnen, welcher der Welt der Lügen und Klischees in Form von Toscanis künstlerisch- politischem Kosmos ein Stück Wahrhaftigkeit entgegensetzt. „Schockbilder- Der Mann, der mit Werbung Politik macht“ sollte man unbedingt gesehen haben, denn dieser Film ist mehr als ein Dokument unserer Zeit. Er macht Mut zum Perspektiv-Wechsel, zur Veränderung des Denkens. Mein absoluter Favorit in diesem Jahr – herzlichen Glückwunsch!
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