11.04.2009  

Kulturpolitik

Musikhochschulen am Puls der Zeit?

Artikel für das Online-Magazin der Campustour 2009 der Heinrich-Böll-Stiftung

Der Studiengang Diplommusiker (DM) gehört neben Zahnmedizin zu den teuersten Studiengängen Deutschlands: MusikstudentInnen erhalten jede Woche 90 Minuten Einzelunterricht im instrumentalen Hauptfach bei ihrem Professor persönlich, außerdem sind Anschaffung und Instandhaltung von Instrumenten mit hohen Kosten verbunden. Um diese Kosten zu rechtfertigen und das Studium an gesellschaftliche Erfordernisse anzupassen, muss hier einiges getan werden.

Das Knüpfen von Kontakten für das spätere Berufsleben findet in vielen Fachbereichen nicht statt – dabei wäre dies auch für spätere Solisten wie z.B. im Studiengang Klavier (DM) dringend notwendig. Die Teilnahme an internationalen Wettbewerben und Bewerbungen bei Konzertagenturen oder CD-Labels bleiben dem „Selbstvermarktungs-Geschick“ des Einzelnen sowie dem individuellen Engagement des Professors im Hauptfach überlassen – der oftmals einzigen fachlichen Bezugsperson eines Musikstudenten.

Viele ProfessorInnen reden sich ein: „Meine Aufgabe ist es, Studenten zu guten Musikern auszubilden – was später aus ihnen wird, kann und will ich nicht beeinflussen“. Diese Haltung trägt dazu bei, dass die Musikhochschule für einige DM-Studenten zum elitären Elfenbeinturm wird.

Dabei genügt es für die AbsolventInnen bei Weitem nicht, ein hervorragende InstrumentalistInnen zu sein. Angehende MusikerInnen müssen während des Studiums bedarfs- und zukunftsorientiert für die Herausforderungen unserer Zeit gestärkt werden.

Teuere Ausbildung und über den Bedarf hinaus

Das fachliche und kreative Potenzial von Musikern, ihre Rolle und ihr Wert für unsere Gesellschaft sind zu elementar, um bei deren Ausbildung weiterhin die Investition in ein schwarzes Loch der Perspektivlosigkeit zu riskieren.

An Musikhochschulen wird aus eigennützigen Interessen – für die Besetzung eines repräsentativen Hochschulorchesters – völlig über den Bedarf hinaus ausgebildet. Was zur Folge hat, dass weniger als die Hälfte der StreicherInnen eine Festanstellung in einem Orchester bekommen. Hier müssen wir zukunftsfähiger werden: OrchestermusikerInnen und SängerInnen nach einem zumindest annähernd statistisch bemessenen Bedarf aufnehmen, den Fächerkanon um vielfältige praxisorientierte Inhalte wie Selbstvermarktung, Bühnenrecht, mentales Auftrittstraining und gezielte Vorbereitung auf Probespiele erweitern, renommierte Gastdirigenten zur Leitung der Hochschulorchester einladen sowie den Studierenden Zusatzqualifikationen wie Kulturmanagement oder Musikjournalismus ermöglichen, um ihre späteren Aussichten im Berufsleben zu verbessern.

Zur Vorbeugung körperlicher Verschleißerscheinungen müssen Methoden wie Feldenkrais oder Alexandertechnik an jeder Musikhochschule fester Bestandteil des Lehrangebots werden – denn jahrelange einseitige physische Belastung kann für manche MusikerInnen den sicheren Weg in die Berufsunfähigkeit bedeuten.

Von Agnes Krumwiede

Quelle: www.boell.de/navigation/campustour/index-136.html

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