19.05.2010  

Kulturpolitik

Soziokultur– kulturelle Teilhabe für alle Menschen

Stellungnahme für die Zeitschrift Soziokultur der Bundesvereinigung Soziokultureller Zentren e.V. - Ausgabe 2/10

Im ehemaligen Gebäude der SS in Nürnberg befindet sich der „Z-Bau“, das Kulturzentrum in Nürnberg. Wo während des Dritten Reichs SS-Offiziere das Grauen organisierten, schmücken heute ausdrucksstarke Graffitis die Wände, haben Artisten einen Raum zum Trainieren und Künstler ihre Ateliers. An kaum einem Ort gibt es solch eine Koexistenz der Künste wie an soziokulturellen Zentren. Die aufeinander treffenden Kulturbereiche sind eine Inspirationsquelle für Künstlerinnen und Künstler.

Aber der „Z-Bau“ ist der Stadt Nürnberg ein Dorn im Auge: Manch einem fehlt das Verständnis für das ebenso laute wie bunte Künstlervolk und möchte das Gebäude lieber abreißen, als in die dringend erforderliche Sanierung zu investieren. Das Überleben des „Z-Baus“ hängt am seidenen Faden, im Juli wird der Stadtrat darüber neu beraten.

Kultur ist robust. Sie gehört zu jenen widerspenstigen Faktoren, die in Diktaturen als erstes reguliert werden. Kultur bleibt bestehen, auch wenn ihre Urheber längst tot sind.
Massiv bedroht jedoch ist die kulturelle Teilhabe, wenn kommunale Haushalte vom „Spar-Tsunami“ erschüttert werden. Denn es sind die „freiwilligen Leistungen“ – darunter viele Bereiche des kulturellen Freizeitangebots – woran als erstes gespart wird.

Plädoyers für die Soziokultur sind deshalb gerade in Krisenzeiten notwendig. Kaum ein Modell im Kulturbetrieb gewährleistet so umfassend Teilhabe für Menschen jeden Alters, jeder Nationalität und Herkunft wie ein soziokulturelles Zentrum. Kostengünstig steht eine große Bandbreite an künstlerischen Angeboten und Aktivitäten zur Verfügung. Vorkenntnisse sind keine Voraussetzung, um sich an Soziokultur zu beteiligen. Diesen freien Zugang zu Kultur können weder der etablierte Kulturbetrieb noch unser Bildungssystem garantieren.

Kultur ist für Kinder und Jugendliche aus allen sozialen Schichten da, die Einführung von Kulturgutscheinen für Familien mit geringem Einkommen könnte einer elitären Ausgrenzung im Kulturbetrieb entgegen wirken. Ebenso eine stärkere Kooperation zwischen Schulen und soziokulturellen Zentren.

Deutschland hat im März 2007 das UNESCO-Übereinkommen zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen ratifiziert. Dieses Übereinkommen muss trotz leerer Kassen in die Praxis umgesetzt werden. Die Schließung eines Theaters, eines soziokulturellen Zentrums und fehlende kulturelle Events
beeinträchtigen die Lebensqualität vieler Menschen sowie die Attraktivität der Städte und Kommunen als Wirtschaftsstandort.

Daher haben Bündnis 90/Die Grünen die Bundesregierung im Februar aufgefordert, die Einrichtung eines KfW-Sonderprogramm „Kulturförderung“ als Überbrückungsmaßnahme für die in ihrer Existenz bedrohten kommunalen Kultureinrichtungen zu prüfen. Eine Vergabe von „Kulturkrediten“ an die Kommunen wäre verfassungskonform und könnte trotz des Kooperationsverbots zwischen Bund und Ländern finanzielle Unterstützung bei der kommunalen Kulturfinanzierung anbieten. Ausschlaggebend für den Erhalt unserer kulturellen Infrastruktur ist der politische Wille der Regierung und eine stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung „ideeller Werte“: Wohlergehen hängt nicht ab von materiellem Wachstum zu Gunsten einer privilegierten Schicht. Wohlergehen ist das Ergebnis lebensfreundlicher
Voraussetzungen. Und das bedeutet: Gesunde Lebensbedingungen, gesundes Klima und gesunder Geist.

Unter Leistungsdruck und Stress „funktionieren“ viele Menschen heute nur noch in einem System, an das sie nicht mehr glauben und für das sie sich nicht mehr engagieren wollen oder können. Motivation, Eigeninitiative und Spaß am Mitgestalten zu fördern ist deshalb von elementarer Bedeutung für die Gesundheit unserer Demokratie.
Soziokultur mit all ihren kreativen, kulturell-integrativen Aspekten bildet ein Gegengewicht zum technokratischen Denken und zum Leistungswahn unserer Wissensgesellschaft, die Albert Einstein mit folgenden Worten in Frage stellte: „Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“

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