16.03.2010  

Kulturpolitik

Gegen den Abbau von Musikstunden an Schulen

Unterstützung des offenen Briefs von Berliner Dirigenten und Intendanten (u.a. Sir Simon Rattle und Daniel Barenboim) an Schulsenator Zöllner gegen den Abbau von Musikstunden an Schulen

Aktuelle Meldungen berichten von „Überalterung“ des Klassik-Publikums. Experten befürchten einen drastischen Rückgang von Konzertbesuchern und Anhängern der Klassischen Musik. Gleichzeitig wird in vielen Bundesländern der Musikunterricht an Schulen gekürzt. So auch in Berlin: Seit dem 1. Februar 2010 findet durch die Zusammenlegung von Musik und Bildender Kunst an manchen Schulen des G8 in den 11. Klassen gar kein Musikunterricht mehr statt. Seit 1993 wurde der Musikunterricht in der SEK 1 auf 1,5 oder nur noch 1 Wochenstunde gekürzt. Wie soll bei Kindern und Jugendlichen Begeisterung für klassische Musik entstehen, wenn im Stundenplan keine Zeit mehr ist, diese zu vermitteln?

Aber es geht hier um mehr als ein Nachwuchsproblem des Klassik-Publikums. Stress, Leistungsdruck und unreflektierte Wissensspeicherung dominieren unser Bildungssystem. Die Leistungseinbahnstraße mit kognitiven Scheuklappen ist der falsche Weg in die Zukunft. Statt am Musikunterricht Zeit und Mittel einzusparen, müssen wir Abschied nehmen vom Leistungswahn und entschleunigen, Räume und Freiräume schaffen für kulturelle Bildung. „Ästhetische Bildung“ darf keine „Mogelpackung“ sein durch die Zusammenlegung musischer Fächer.

Ein ganzheitlicher Bildungsanspruch darf sich nicht auf einseitige Wissensvermittlung beschränken, sondern muss Herz und Verstand gleichermaßen berücksichtigen.

Junge Menschen in ihrem künstlerischen Ausdruck zu fördern und zu bestätigen, hat einen positiven Einfluss auf ihr Selbstbewusstsein und ihre Persönlichkeitsentwicklung.

Hirnforscher und Philosophen weisen schon lange darauf hin, dass die Teilnahme an künstlerischen Aktivitäten bei Kindern und Jugendlichen Spaß, Begeisterung und Motivation auslösen kann. Und dass sich mit einer Entwicklung der künstlerischen Fähigkeiten auch die geistigen Fähigkeiten – die sogenannten kognitiven Leistungen – verbessern.

„Alles Praktische, und damit auch das Learning by Doing kann man in einer Lehre erlernen. Unser Erziehungssystem legt ungeheuer viel Gewicht auf das Lesen und Schreiben und auf rein mentale Fähigkeiten … Ich muss oft daran denken, dass unsere Kinder, sogar die Kleinsten, noch immer Buntstifte bekommen und aufgefordert werden, zu malen und irgendwie ihre bildnerischen Fähigkeiten einzusetzen. Aber wenn sie in der Pubertät sind und diese Erfahrung am meisten bräuchten, dann nehmen wir ihnen die Buntstifte wieder weg und zwingen sie, sich ernsthaft aufs College vorzubereiten und nur noch mit der linken Hirnhälfte zu arbeiten.“ (Sheldrake, Rupert: „Die Wiederbelebung von Bildung und Erziehung“, S. 210)

Das kreative Potential unserer Gesellschaft darf nicht verkümmern, sondern muss für die Entwicklung zukunftsfähiger Ideen eingesetzt werden. Kreativität kann sich nur entfalten, wenn wir vielfältige Fähigkeiten junger Menschen fördern und ausbilden.

Und dafür benötigen wir mehr qualifizierte Lehrkräfte für Musik, Theater oder Kunst an allen Bildungseinrichtungen. Denn pädagogische Qualität, eine spielerische Vermittlung der kreativen Lehr- und Lerninhalte ist Grundvoraussetzung für den Erfolg – Musikunterricht bedeutet mehr als eine musikalische „Berieselung“ im Frontalunterricht.

Eine stetige Zusammenarbeit zwischen Bildungseinrichtungen und Kulturschaffenden, die bereit sind, an Schulen in ihrem Fachgebiet zu unterrichten, muss intensiviert werden. Beispielsweise in Form eines Netzwerkes „Künstler an die Schulen“. Workshops, in denen Profis aus Musik, Theater, Tanz oder Bildender Kunst ihre Erfahrungen weitergeben, müssen eine feste Institution an unseren Schulen werden. Denn niemand ist authentischer in der Vermittlung musischer Inhalte als ein Künstler selbst.

Hiermit unterstütze ich den offenen Brief Berliner Dirigenten und Intendanten an Schulsenator Jürgen Zöllner.

Liebe Eltern, SchülerInnen, LehrerInnen und KünstlerInnen, protestiert gegen die geplanten Kürzungen an der musischen Bildung!

Setzen Sie sich dafür ein, dass unserem Nachwuchs Orte der Fantasie und emotionale Erlebniswelten jenseits des Computers erhalten bleiben!

Agnes Krumwiede, Diplommusikerin (Hauptfach Klavier) mit Konzertexamen,
MdB, kulturpolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

„Das menschliche Herz ist unendlich in seiner Liebesfähigkeit, aber es hängt vom Verstand ab, ob es tagtäglich mit liebenswerten Dingen genährt wird. Wenn der Verstand aussetzt oder sich verschließt, dann erstarrt das Herz, weil es keine neuen Objekte der Freude geboten bekommt, die es regelmäßig preisen kann. […] Die menschlichen Hände[erzeugen] in Verbindung mit der menschlichen Phantasie eine unendliche Vielfalt von Artefakten – das ist Kreativität. Von den ersten Höhlenmalereien an bis zum heutigen Tag haben keine zwei Künstler dasselbe Bild geschaffen, keine zwei Musiker dasselbe Lied komponiert, keine zwei Tänzer denselben Tanz choreographiert und keine zwei Töpfer denselben Gegenstand getöpfert. Hier haben wir es also mit einem Modell der Erziehung zu tun, das die Habgier bekämpfen und uns eine ganz neue Richtung weisen wird. Es wird den Geist mit all seinen Fähigkeiten entwickeln, die rechte und die linke Hirnhälfte und damit auch den Körper und das Herz: Das Herz zu entwickeln bedeutet Körperarbeit, die Phantasie zu entwickeln bedeutet Kunst oder Kreativität. Ich glaube nicht, dass das kompliziert ist. Schulen auf allen Ebenen der Gesellschaft müssen sich nach unserem Modell richten, da diejenigen Modelle, die immer noch maßgebend für uns sind, den Planeten und uns alle gefährden.“ (Sheldrake, Rupert: „Die Seele ist ein Feld“, S. 210)

16.03.2010

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