Zwei Drittel der Theater- und Tanzschaffenden in Deutschland sind arm und leben unter der Armutsgrenze in Höhe von rund 11.000 Euro. Dies ergab eine Studie von Günter Jeschonek über die Einkommenssituation von TheatermitabreiterInnen und TänzerInnen im Jahr 2009.
Der Tanz setzt nicht nur geistige und kreative Höchstleistungen voraus. Keine andere künstlerische Ausdrucksform erfordert solch enorme physische Belastungen. Spätestens mit 35 ist das aktive Berufsleben als TänzerIn für die meisten beendet. Theater mit festem Tanz-Ensemble sind verpflichtet, nach mehr als 15 Jahren einen Anspruch auf Weiterbeschäftigung zu gewähren und gegebenenfalls eine Umschulung ihrer Tänzerinnen und Tänzer durchzuführen. Nicht selten umgehen Theater jenen Status, indem sie ihre TänzerInnen im 13. oder 14. Jahr aus fadenscheinigen Gründen nicht verlängern.
In kaum einer anderen Kunstsparte ist der „Jugendwahn“ so ausgeprägt wie beim Tanz. Maßgebliche Kriterien wie künstlerische Reife im Ausdruck oder Berufserfahrung werden in der Realität zugunsten der „Vorzüge“ eines jüngeren Tänzers vernachlässigt. Denn junge Tänzerinnen und Tänzer sind belastbarer und „formbarer“ als ihre erfahrenen Kolleginnen und Kollegen.
Aufgrund der spezifischen Berufsanforderungen ist die soziale und wirtschaftliche Lage von Tänzerinnen und Tänzern verheerend. In der Regel haben freiberufliche Tänzerinnen und Tänzer erst sechs Wochen nach einer Erkrankung Anspruch auf Krankheitsgeld durch die KSK, obwohl Ausfälle durch Sportverletzungen sich in diesem Beruf aufgrund der körperlichen Beanspruchung häufen und zur temporären Arbeitsunfähigkeit führen.
Immer noch ist die Berufsbezeichnung „Tänzerin“ oder „Tänzer“ nicht geschützt.
Weiterbildungsmaßnahmen für Tänzerinnen und Tänzern in einen dem Tanz nahestehenden Beruf wie Yoga-, Pilates- und Feldenkrais- LehrerIn sind nicht zertifiziert und werden vom Arbeitsamt in der Regel nicht finanziert. Die Weiterbildung zum Physiotherapeuten wird nicht bezahlt, da die Umschulung drei Jahre dauert und die BA nur zwei Jahre finanziert.
Kurz: Hinter den schillernden Kulissen des Tanzes sieht es düster aus.
Zum ersten Mal in seiner Geschichte befasste sich der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages auf eine Initiative von Bündnis 90/Die Grünen am vergangenen Mittwoch, dem 10. November 2010, mit dem Thema Tanz. Die geladenen TanzexpertInnen Madeline Ritter (Tanzplan Deutschland), Sabrina Sadowska (Stiftung Tanz–Transition Zentrum Deutschland), Miriam Wolff (Tänzerin) und Dr. Christiane Theobald (Staatsballett Berlin) verdeutlichten, dass der Tanzberuf weit mehr Kategorien beinhaltet als das etablierte klassische Ballett. Außerdem betonten sie die Bedeutung des Tanzes beim Thema Integration, beispielsweise durch Tänzerinnen und Tänzer, die an Bildungseinrichtungen Tanz-Workshops durchführen. Denn der Tanz – genreübergreifend vom klassischen und zeitgenössischen Tanz bis hin zum Break-Dance – repräsentiert eine eigene, internationale künstlerische Ausdrucksform jenseits aller Sprachbarrieren. Um der prekären Beschäftigungssituation von Tänzerinnen und Tänzer politisch entgegen zu wirken, haben die vier engagierten ExpertInnen im Kulturausschuss die Einführung einer Honoraruntergrenze vorgeschlagen. Außerdem verwiesen sie auf die Notwendigkeit von Angeboten zur Hilfestellungen für Tänzerinnen und Tänzer nach deren aktiver Berufsphase. Die Stiftung „Tanz–Transition Zentrum Deutschland“ bietet Tänzerinnen und Tänzern während der Ausbildung, innerhalb ihrer aktiven Berufsausübung und insbesondere beim Übergang in einen neuen Beruf nach der Karriere als BühnendarstellerIn ein breites Angebot an Beratung und Information. Mit vergleichsweise wenig Geld bildet die Stiftung „Transition“ eine wichtige Struktur zur Verbesserung der sozialen Lage von Tänzerinnen und Tänzern. Außerdem sorgt „Transition“ dafür, dass das kreative Potential dieser Künstlerinnen und Künstler auch nach deren zeitlich begrenzter Tätigkeit als BühnendarstellerInnen für unsere Gesellschaft genutzt werden kann. Die Berliner Geschäftsstelle der Stiftung wird momentan im Rahmen des „Tanzplan Deutschland“ gefördert. Dieses von der Kulturstiftung des Bundes getragene Programm läuft Ende 2010 aus, die Weiterführung der Stiftungsarbeit ist somit nicht gesichert. Eine Aufnahme der Stiftung „Tanz-Transition Zentrum Deutschland“ in die Förderprogramme des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales wurde abgelehnt. Auch die Bitte um Unterstützung an Bernd Neumann, den Staatsminister für Kultur und Medien, blieb erfolglos.
Für Bündnis 90/Die Grünen steht fest: Der Tanz muss auch nach Beendigung des „Tanzplan Deutschland“ von Bundesseite gefördert werden. Denn es ist von „gesamtstaatlicher Bedeutung“, dass die qualitativ hochwertige Bewahrung unserer Tanzkultur sowie die Weiterentwicklung kreativer Tanzformen im internationalen Vergleich nicht zurück fallen. Deshalb stellte die Grüne Bundestagsfraktion in der Bereinigungssitzung des Haushaltsauschusses am 11.11.2010 den Antrag, der Stiftung Transition im kommenden Jahr 50.000 Euro(!) aus Mitteln des Kulturhaushaltes (der Gesamtetat des Kulturetats für 2011 umfasst ca. 1 Mrd. Euro) für die Fortführung ihrer Arbeit zur Verfügung zu stellen. Dieser Antrag wurde mit den Stimmen der Regierungskoalition abgelehnt.
Gerade auch angesichts des fraktionsübergreifend gemeinschaftlichen Einvernehmens über den akuten Handlungsbedarf im Bereich Tanz während der vergangenen Sitzung des Kulturausschusses erscheint die Ablehnung des Grünen Antrags zur Förderung der Stiftung „Transition“ mehr als blamabel. Jene offenkundige Verweigerungshaltung, mit der die schwarz-gelbe Koalition auch in der Kulturpolitik grundsätzlich alle Anträge der Oppositionsparteien ablehnt, schadet den Künstlerinnen und Künstlern in Deutschland. Eine Kulturpolitik nach dem Motto „Machterhalt und politisches Kalkül rangieren vor den Bedürfnissen unserer Künstlerinnen und Künstler“ ist inakzeptabel und dient weder den Kreativen noch unserer demokratischen Kultur. Die Leidtragenden sind in diesem Fall einmal mehr die Tänzerinnen und Tänzer. Es bleibt zu hoffen, dass die Bundesregierung ihre Entscheidung gegen Fördermittel für die Stiftung „Transition“ im kommenden Jahr überdenkt und zusätzlich weitere Strategien zur Förderung des Tanzes entwickelt. Ohne zeitnahe Unterstützung durch die Politik werden sittenwidrige Löhne und unzumutbare Arbeitsperspektiven nach Beendigung der aktiven Tanz-Karriere den Tanzberuf in Deutschland weiterhin abwerten.
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