19.09.2011  

Warum ich der Papstrede nicht im Bundestag zuhören werde

Mein Glaube gehört mir

Dass insbesondere wir katholischen Abgeordneten wegen der Papstrede im Bundestag seit Tagen öffentlich und privat mit Meinungen konfrontiert werden, wer oder was einen „guten“ oder „schlechten“ Gläubigen auszeichnet (natürlich die Anwesenheit im Plenum) und ob wir nicht aufgrund unserer Kirchenzugehörigkeit zur Anwesenheit „moralisch“ verpflichtet seien – das allein schon empfinde ich als Zumutung. Mir bekannte oder unbekannte Menschen dürfen mir (fast) immer und (fast) überall (fast) alles kundtun und mich alles fragen. Das verstehe ich selbstverständlich auch als meine Aufgabe als Volksvertreterin. Aber mein Glaube gehört mir. Mein Glaube ist an keine lebende Person gekoppelt. Auch nicht an den Papst.
Die Papstrede im Bundestag polarisiert. Formulierungen wie „Gastfreundschaft verpflichtet“  oder  „Respekt erweisen“ halte ich in diesem Zusammenhang für deplatziert und unangemessen. Ich persönlich habe den Papst nicht ins Parlament eingeladen, deshalb fühle ich mich auch nicht als Gastgeberin. Außerdem sollten sich Gäste normalerweise einigen Gepflogenheiten des Gastgebers anpassen. Folglich müssten während der Papstrede vor dem Parlament  Zwischenfragen und Kurzinterventionen erlaubt sein, wie das normalerweise bei Reden im Parlament üblich ist. Dies ist beim Papst nicht der Fall.
Der Papst kennt mich nicht und wird deshalb mein Fehlen weder bemerken noch als respektlos empfinden. Und für alle, die meinen, es gehöre zum guten Ton als Abgeordnete, dem Papst den Respekt meiner Anwesenheit zu erweisen: Dem Papst erweise ich im Parlament durch meine Abwesenheit den größeren Respekt. Denn vor dem Bildschirm im nicht-öffentlichen Raum darf ich seine Worte kommentieren ohne respektlos zu wirken.
Vor ein paar Tagen noch war ich unschlüssig. Der Papstbesuch im Parlament  ist ein außergewöhnliches, ja vermutlich einmaliges Ereignis – ob ich mir das entgehen lassen soll?
Mittlerweile hat mich der Ungehorsam erfasst, zu dem mich die katholische Kirche erzogen hat. Das fing in meiner Kindheit an mit den von innen verschlossenen Kirchentüren, die sich erst wieder öffneten für jeden von uns, der seine erste Beichte abgelegt  hatte. Da war die Klosterschwester im katholischen Religionsunterricht, die uns in der 6. Klasse mitteilte, „Homosexuelle kommen in die Hölle“. Nein, ich kann und konnte mich noch nie identifizieren mit einer kirchlichen Institution, die dem Motto „Vor Gott sind alle Menschen gleich“ nur rhetorisch folgt. Die katholische Kirche erkennt gleichgeschlechtliche Partnerschaften immer noch nicht adäquat an, fährt einen konstant reaktionären Kurs bei der Verhütungsfrage, sie toleriert keine Eheschließungen kirchlicher Würdenträger, die außerdem immer noch ausschließlich männlich sein müssen, außerdem möchte der Papst die Pius-Brüderschaft „rehabilitieren“, auch den Umgang mit den jüngsten Missbrauchsfällen innerhalb der katholischen Kirche finde ich skandalös …
Trotz allem bin ich Teil der katholischen Kirche und werde dies aller Voraussicht nach auch bleiben. Weil ich religiös bin und in Jesus einen Menschen sehe, der zeitlos wichtige Werte vermittelt und vorgelebt hat. Weil ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe, quasi von „innen“ heraus zu kritisieren und zu hinterfragen, was mich stört an der Institution Kirche.
Bleibt noch das Argument, der Papst würde ja gar nicht als Papst, sondern als Staatsoberhaupt vors Parlament treten: Auch in seiner Funktion als Staatsoberhaupt ist und bleibt der Papst ein Kirchenoberhaupt. Ganz abgesehen davon, dass auch Staatsoberhäupter anderer Länder äußerst selten vor dem Deutschen Bundestag sprechen, halte ich den Deutschen Bundestag nicht für den geeigneten Ort, um dort eine Rede des Papstes abhalten zu lassen.
Warum wird beispielsweise nicht auch der Dalai Lama eingeladen?!
Fazit: Ich werde bei der Rede des Papstes nicht im Plenum sein.
Vielleicht bin ich mit dieser Entscheidung für viele keine „gute Katholikin“.  Aber dafür bin ich das, wofür ich gewählt wurde: Eine Volksvertreterin. Mit meiner Abwesenheit vertrete ich nämlich auch all diejenigen in Deutschland, die die Papstrede vor dem Bundestag ebenso kritisieren wie ich und wenn sie an meiner Stelle wären, auch nicht hingehen würden.
Eine „gute Katholikin“ war ich sowieso noch nie, ich denke und handle hier nach Albert Einsteins Worten: „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“
Der Theologe Eugen Drewermann beispielsweise war keines, deshalb musste er damals gehen. Er hat mich tief geprägt in meiner kritischen Haltung der katholischen Kirche gegenüber, er sagte „Jesus wollte diese Kirche nicht“. Als „Boykott“ möchte ich meine Abwesenheit nicht interpretiert sehen. Und wenn, dann so, wie Arno Widmann das in seinem Leitartikel der Frankfurter Rundschau bezeichnete: „Der Boykott ist die unter diesen Umständen höflichste Form des Protestes.“
   

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