21.06.2009  

Rückblick

Meine Rede vor Milchbäuerinnen und Milchbauern

Liebe BesucherInnen meiner Homepage, gestern habe ich eine kurze Begrüßungsrede vor der Podiumsdiskussion u.a. mit Ulrike Höfken (MdB) vor ungefähr 30 Milchbäuerinnen und Milchbauern gehalten. Die Stimmung unter ihnen ist verständlicherweise sehr gedrückt. Sie wissen nicht, wie es weiter gehen soll, wenn nicht endlich eine politische Lösung gefunden wird, bei der auch die kleineren Betriebe überleben können. Für alle, die es interessiert, hier meine Rede zum Lesen:

Sehr geehrte Damen und Herren,

bitte stellen Sie sich mal folgende Situation vor:
Ein bayerischer Milchbauer aus dem 19. Jahrhundert – nennen wir ihn Otto -macht eine Zeitreise ins Jahr 2009.
Er hat die Schnauze voll von seinem Dasein im 3. Stand und ist sich sicher, dass die Menschen mit den Jahren bestimmt unglaublich viel dazu gelernt haben und viel glücklicher sind.
Jetzt möchte er natürlich wissen, wie es bayerischen Landwirten und Milchbauern in unserer Zeit ergeht. Das erklären wir ihm gerne!
Lieber Otto:
Im Jahr 2009 werden unsere Kühe mit Gensoja aus Südamerika gefüttert, das spart Geld. Platz sparen wir auch, weil wir meistens auf Weidegang für unser Vieh verzichten. Natürlich wissen wir, dass für uns Menschen vor allem die Milch gesund ist, die von Kühen stammt, die mit Gras gefüttert werden und Weidegang haben – Aber vielen ist das egal, weil das mit Gensoja viel günstiger ist und wir so viel mehr Milch produzieren können.

Auch, dass es durch den Einsatz von Gensoja zu Kontaminationen mit unseren Lebensmitteln kommt, ist den meisten eigentlich wurscht.

Die Menschen der Länder, in denen Gensoja angebaut wird, haben ein Problem. Denn für sie gehen durch den Anbau von Gensoja wichtige Anbauflächen für die Ernährung der eigenen Bevölkerung verloren.
Aber das brauchen die ja gar nicht mehr unbedingt, weil was wir in Europa zuviel haben an Milch oder Gemüse, das exportieren wir ganz einfach ins nichteuropäische Ausland.
Für afrikanische Landwirte ist das nicht optimal.
Denn so billig, wie wir ihnen unsere landwirtschaftlichen Produkte auf den Markt schmeißen, können sie selber gar nicht produzieren.

Aber Afrika ist ja weit weg.

Wenn man z.B. bedenkt, dass deutsche Kinder immer weniger Milch trinken, haben wir sogar viel zu viel Milch. Aber dafür ist die für den Verbraucher wahnsinnig billig. Übrigens, lieber Otto, denken viele unserer Kinder, dass die Milch aus der Aldi-Tetrabox kommt und nicht von der lila Kuh.
Seit neuestem gibt es bei uns sogar Käse, der gar kein richtiger Käse ist, für den wir die Milchbauern also gar nicht mehr brauchen, weil das nämlich ein chemisches Kunstprodukt ist. Da staunen Sie, Herr Otto, gell?

Milchbauer Otto macht ganz große Augen, wenn er hört, was die Menschen 2009 so alles können. Und nachdem er sich gefragt hat, ob das mit dem Gensoja und dem Kunstkäse auch gesund für sich und seine Kinder ist und er sich denkt, dass er froh ist, kein afrikanischer Landwirt zu sein, da stellt er die Frage, ob denn eigentlich die Milchbauern auch genug verdienen – wenn die Milch so günstig geworden ist und man vielleicht gar keine Milch mehr braucht für Käse und Kinder?
Denn das mit dem Geld interessiert Milchbauer Otto sehr.
Also?
Da müssen wir unserem Zeitreisenden leider erzählen, dass Milchbauern das letzte Glied in der Geldverdienerkette der Milchwirtschaft sind.
Milchbauern bekommen immer das, was übrig bleibt, wenn Handel und Verarbeiter ihr Geld verdient haben.
Dafür verdienen die Molkereien sehr gut, sie profitieren ja auch von den Subventionen für Agrarüberschuss.
Und wenn wir Milchbauer Otto erklärt haben, wie super Interventionspreise und hohe Milchquote für Molkerein – nur eben nicht für die Milchbauern – sind, müssen wir ihm auch gestehen, dass – wenn das bei uns so weiter geht -53 Prozent von 99.000 Milchbauern ihren Betrieb aufgeben müssen.

Milchbauer Otto aus dem vorletzten Jahrhundert hat die Schnauze voll von seinem Fürsten und ist überzeugt, dass eine Regierungsform 2009 bestimmt so klug und menschenfreundlich ist, den Milchbauern aus der Krise zu helfen.
Dann erzählen wir ihm von den verzweifelten Milchbäuerinnen vor dem Kanzleramt.
Und dass unsere Regierung sich ein Geschenk ausgedacht hat, um den Milchbauern zu helfen. Wir erklären Milchbauer Otto, dass das eigentlich gar kein richtiges Geschenk ist, sondern vor allem der Regierung helfen soll, um von den Milchbauern wieder gewählt zu werden:
Die Absenkung der Dieselsteuer.
Leider profitieren davon nicht die kleineren Milchbauern, sondern nur die großen, die mit ihren Fahrzeugen nach und nach mehr als 10.000 Liter verbrauchen.
Ökologisch nachhaltig ist dieses Geschenk auch nicht.
Ökologisch nachhaltig wären Biokraftstoffe. Aber dieser Markt für die Landwirte wird von unserer Regierung blockiert. Die Große Koalition verbaut mit den Steuererhöhungen die Wettbewerbsfähigkeit für Biokraftstoffe.
Weil Milchbauer Otto aus dem vorletzten Jahrhundert den Begriff Ökologie nicht kennt, erzählen wir ihm noch vom Klimawandel, den CO2-Ausstößen, den Kohlekraftwerken und den Atomkraftwerken und spätestens wenn wir bei der Finanz- und Wirtschaftskrise angelangt sind, wird Milchbauer Otto bestimmt sagen: Nix wie zruck zurück ins vorletzte Jahrhundert!

Wenn - ja - wenn wir ihm nichts über unsere Grünen Wege aus der Krise erzählen würden und im speziellen über unsere Grünen Konzepte aus der Krise der Milchbauern.
Darüber, dass wir uns dafür einsetzen, dass auch die kleinen Landwirte überleben können. Wir sind die Partei, die sich auf europäischer Ebene einsetzt für eine Milchpolitik, die verbraucher – und marktorientiert ist und zugleich Qualität und ökologische Standards garantiert! Wir wollen faire Preise für Milchbauern!
Außerdem erklären wir Milchbauer Otto, dass wir uns für die Zukunft mehr Ökobauern wünschen und eine Landwirtschaft ohne Gentechnik und ohne Chemiekeule.
Und dass wir Grünen die Partei sind, die dafür kämpft.
Ich bin überzeugt, wenn Milchbauer Otto heute Ulrike Höfken über grüne Chancen für Milchbauern reden hören könnte, wenn er heute bei dieser bestimmt sehr konstruktiven Diskussion dabei wäre, ich bin überzeugt, dass Milchbauer Otto dann sagen würde: Hier gfoits ma, ich will nicht mehr zurück!
Sehr geehrte Damen und Herren, ich glaube, die Ursache unserer Krise ist eine Systemkrise, die bei uns allen, im Kleinen ihren Ursprung hat.

Wir brauchen ein neues Denken, einen Bewusstseinswandel:

Wir müssen wieder lernen, die Natur und das, was sie uns gibt, wert zu schätzen.

Erst dann werden alle auf die Frage, was ist uns ein Liter Milch wert?, antworten: Mehr als 20 Cent!

Erst dann wird allen klar werden, dass wir in landwirtschaftliche Konjunkturmaßnahmen investieren müssen, die ganzheitlich funktionieren: Nämlich Klima- Umwelt und Artenschutz gerecht und sozial sind.

Die Herausforderungen unserer Zeit sind komplex und erfordern ein flexibles, kreatives Denken.

Ich glaube nicht, dass das schwer ist. Aber ich glaube, dass ein Umdenken notwendig ist, weil die Modelle, die uns steuern, den Planeten und uns alle gefährden

 

« zurück